Lera Barshtein

Fünf Künstler aus Jerusalem
Die Galerie Melnikow in Heidelberg präsentiert russische Emigranten

Von Heide Seele

Liora Barshtein, 1961 in Moskau geboren und seit 1990 in Israel lebend, schuf dieses aufregende Ölbild „Terrorakt"Unser Favorit heißt Boris Lekar. Seine Aquarelle sind von "unglaublicher Sanftheit, wüstenfarben, bis ins Feinste abgestuft. Dennoch hängen sie in weißen Passepartouts an den Wänden der Galerie Melnikow in Heidelberg, wo zur Zeit fünf Künstler aus Jerusalem ausstellen. Alle wurden zwischen 1932 und. 1961 in Moskau und der Ukraine geboren und emigrierten irgendwann nach Israel. Lekar, Jahrgang 1932, widmet sich in seinen zarten Darstellungen dem Toten Meer, der Wüste Negev, dem Jordan oder dem See Genezareth, dabei das Stimmungshafte eher beachtend, denn topografische Details.

Von ganz anderer Art dann die Temperabilder seines Kollegen Alexander Adonin, wie er - allerdings fünfzehn Jahre später - in der Ukraine zur Welt gekommen. Adonin ist ein Abstrakter, beweist dabei viel Form - und Stilgefühl. Bei seinem „Sabbathmittag" ge-iingt es ihm, Räumlichkeit zu evozieren. Beim „Moslemviertel", das sehr dunkel geriet, hellt ein romantischer Mond die Szenerie auf. Aus starkem Schwarz-Weiß-Kontrast bezieht die „Klosterstille" ihre Wirkung. Grafische Delikatesse demonstriert der Maler in seinem Bild „Gestern",
Die Frauen: Da ist zunächst Lea Zarembo, die offensichtlich mehrgleisig tätig ist. Ihre figurativen Arbeiten, in kräftigen Umrissen mit Aquarellfarbe aufs Papier gebracht, dem durch Auftrag von Kleie auf die Rückseite eine reliefartige Struktur verliehen wurde, haben mit den ausgesprochen bunten Ölbildern wenig gemeinsam, eigentlich gar nichts. Wir bevorzugen die wie Tuschezeichnungen anmutenden Darstellungen, wobei man die farbsatten Hervorbringungen nicht ignorieren sollte, transportieren sie doch Wesentliches hinsichtlich der Befindlichkeit ihrer Schöpferin. Sie arbeitet darin Bilder au? dem Alten Testament auf, auch spezifisch jüdische Erfahrungen wie „Exodus", und immer wieder trifft man auf die russische Ma-trioschka, die Puppe in der Puppe.
Alle drei ausstellenden Frauen wurden übrigens auf dem Sektor der angewandten Kunst ausgebildet. Das bedeutet in Russland eine solide handwerkliche Unterweisung und sollte nicht als qualitätsmindemd angesehen werden. Liora Barshtein bevorzugt fröhliche Farben in Ölgemälden wie „Jerusalem " oder in ihrer .Saturiertheit und Behäbigkeit ausstrahlenden „Familie", in der Vater, Mutter, Kind genauso groß sind wie die russische Architektur im Hintergrund. Die Künstlerin scheint von Heimweh nach Moskau gequält zu sein. Etwas skurril wirkt ihr „Gespräch" mit zwei Figuren mit Hund, und leider wieder aktuell ist der „Terrorakt", ein pfiffig komponiertes Bild, das sich die Gewalttätigkeit in Israel vornimmt in explodierenden Farben und mit einigen als Orthodoxe erkennbaren Gestalten, die gruppenweise mal hier, mal dort erscheinen.

Duftige Aquarelle erfreuen das Auge. Sie stammen von Julia Pushkin-Shulman. Wie liora Barshtein hat auch sie schon in zurückliegender Zeit bei Melnikow ausgestellt. Ihre Valeurs sind inzwischen luftiger geworden, und man denkt nicht ohne Grund an Raoul Dufy. Ihre „Familie" schaut ganz anders aus als das mit gleichem Titel versehene Bild ihrer Kollegin Liora. Figuren und Physiognomien sind nur angedeutet und haben dadurch einen „moderneren" Touch. Auch hier israelische Landschaften, aber mit spürbar positiver Einstellung gemalt.

Diese Ausstellung stellt erneut ein Angebot dar, sich mit dem Kunstschaffen entfernter Länder auseinander zu setzen. (Bis 14. Oktober.)